Scorpions-Legende Klaus Meine im Interview

„Gerade weil sich im Moment so eine bedrohliche Weltlage vor unser aller Augen auftut brauchen wir Musik wie Soulfood.“

Klaus Meine

Nächstes Jahr feiern die SCORPIONS 60- Jahre Bandjubiläum. Dieses Jahr spielen sie 41 Konzerte in 20 Ländern. Das Album mit dem sie auf Tour sind „Love At First Sting“ wurde mehrfach mit Platin in USA und weiteren Ländern ausgezeichnet. Die Worte und Kompositionen zu der Musik der SCORPIONS stammen aus seiner gedanklichen Feder. Er ist der lyrische Hard Rock Poet. Und er hat Pfeifen salonfähig gemacht.  Luisa Verfürth hat sie bei ihrer einmonatigen Residency in Las Vegas und in Istanbul auf Tour besucht und trifft Klaus Meine an seinem 76. Geburtstag am Bosporus.

VON LUISA VERFÜRTH

Das Konzert beginnt

Auf der Bühne im Bakkt Theatre at Planet Hollywood in Las Vegas erhebt sich die Erdkugel aus der Stage, Nebel scheint unseren Planeten empor zu heben, einem Paar entgegen, welches sich leidenschaftlich  küsst, während der Mann der Frau einen Skorpion auf den Oberschenkel tätowiert.

Es ist das Konterfei von „Love At First Sting“, dem Album, das vor 40 Jahren erschien, dreifach Platin Status in den US erzielte, und das Motto der aktuellen SCORPIONS-Tour ist. Das Cover, einst vom legendären Helmut Newton fotografiert, spiegelt sich auf den Fan-Shirts in den ersten Reihen wieder. Handykameras schnallen in die Luft und erhellen den Raum, um diesen Moment festzuhalten.

Weltweit Begeisterung bei den Fans

Einige Fans schreien seinen Namen, andere winken, manche Augen geniessen leise was sie sehen und füllen sich teils mit schönen, glücklichen Tränen, es ist ein sanfter Beginn, wenn Klaus Meine aus dem Nebel gen Publik tritt und die Menschen mit den ersten Zeilen von „Coming Home“ begrüsst:

„Every morning when I wake up yawning. I’m still far away. Trucks still rolling through the early morning to the place we play…“

Klaus Meine singt, wie er in dem Song davon träumt, wieder auf der Bühne zu stehen und sagt, dass es sich anfühlt, als würde man nach Hause zu kommen.

Can’t live without the Fans

„Ein ganz zentraler Punkt in all den Jahren war, dass die SCORPIONS mit ihren Songs und vor allem auch den Texten versucht haben, eine direkte Verbindung zu den Fans aufzunehmen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Da könnte ich jetzt eine Menge Songs nennen, wo das der Fall ist. „Cant live without you“, zum Beispiel, wo es nicht um eine banale Liebesgeschichte geht, sondern eben um „Cant live without you“ – ohne unsere Fans können wir nicht leben. Und „Coming Home“ ist genauso ein Song und ein Text, der das auf den Punkt bringt, wir sind einfach da zu Hause, wo immer wir spielen, egal an welchem Teil der Welt. Wir kommen zu Euch, zu unseren Fans und fühlen uns zusammen mit Euch zu Hause.Und genau deshalb ist dieser Song auch der perfekte Opener der Show. Und das wird, denke ich, auch genauso von den Fans verstanden“, so Klaus Meine.  

Nahe bei den Fans

Wenn man selbst in dem Dunstkreis dieses Tourauftaktes eingenebelt wird, verstummt die Frage im Keim, warum Klaus Meine, Rudolf Schenker, Mathias Jabs, Paweł Mąciwoda und Mikkey Dee immer hoch auf Tour gehen: Genau deswegen.  

Beeindruckende Welttournee

41 Konzerte werden sie 2024 auf ihrer Welttournee dieses Jahr spielen in 20 Ländern. Bevor sie am 11. September mit ihrer regulären Deutschland-Tour in Nürnberg beginnen, spielen sie am ersten August als Headliner in Wacken. Am 20. September schließen sie die Deutschland Tour in Frankfurt. Nächstes Jahr geht es weiter. Mit ihrem 60. Bandjubiläum. Über 5000 Konzerte in 82 Ländern haben sie in ihrer Karriere absolviert und über 130 Millionen Alben verkauft. Ans Aufhören denkt hier keiner. „Solange die Stones noch auf Tour gehen, touren wir auch“, sagt Rudolf Schenker lachend. „Die Band ist schlicht und ergreifend unser Leben! Sich zu Hause hinsetzen und nichts tun, entspricht so gar nicht unserer Attitüde.“

Klaus Meine – das Vorbild

Liest man sich durch die Vita von Klaus Meine, waren das einst seine Vorbilder, die Beatles, die Stones und Elvis. Heute sind sie längst selbst Vorbilder. Im Publikum stehen Generationen, Väter mit Kindern, Freunde, Familien, Hard-Rock-Fans alle, Fan-Shirt an Fan-Shirt. Und sie haben eine sehr nahe Bindung zu Meine, rufen ständig seinen Namen, zu dem Mann, der etliche Songs komponiert und nahezu alle Texte der SCORPIONS verfasst hat.

Nach ihrer einmonatigen Residency in Las Vegas tourte die Band über Abu Dhabi und Bahrain nach Istanbul. 

Geburtstag auf Tour

Dort feierte Klaus Meine seinen 76. Geburtstag auf Tour. Seine Frau Gabi, mit der er seit 1977 verheiratet ist und sein Sohn Christian mit Freundin kamen ihn besuchen. Aber natürlich ist die Band auch dabei. Seinen Geburtstags-Abend wird er On-Stage verbringen. „Wir haben viele Geburtstage zusammen auf der Bühne gefeiert“, so Klaus Meine. „Früher hatten wir ein Ritual, dass wir dem der Geburtstag hatte auf der Bühne manchmal eine Torte ins Gesicht geworfen haben. Das ging so weit, dass mal ein Fan bei mir zu Hause klingelte und mir eine Torte entgegen streckte. Er sagte, sein bester Freund hätte Geburtstag, er würde gern mit ihm gleich wieder kommen und es wäre toll, wenn ich ihm die Torte ins Gesicht werfen würde. Und das habe ich auch gemacht.“ Der Fan wird es nie vergessen haben. Klaus Meine auch nicht.

Geschichtsträchtiger Ort

Zwei Tage vor seinem Geburtstag sitzt er am Bosporus, probiert einen original Kebap und schaut auf die Brücke der Märtyrer des 15. Juli oder früher Bosporus-Brücke. „Das werde ich nie vergessen. Am 14. Juli 2016 sind wir mit der Band über die Brücke gefahren und einen Tag später sahen wir im Fernsehen, wie die Brücke zum Putsch voller Panzer stand.“ An seinem 76. Geburtstag in Istanbul gibt es keine Torte ins Gesicht, sondern zwei imposante Sahnetorten mit seiner Abbildung im Backstage, gebacken vom türkischen Team. Die Fans singen ihm mehrfach „Happy Birthday“. Sie haben Plakate gemalt. Auf einem steht : „I need your loving. Still loving you.“ Musik wird gebraucht. Gerade in Zeiten wie diesen scheint sie Kraft zu geben und die Möglichkeit zu geben loszulassen.

Musik wie Soulfood gebraucht

„Gerade weil sich im Moment so eine bedrohliche Weltlage vor unser aller Augen auftut, brauchen wir Musik wie Soulfood. Um vielleicht, auch wenn es nur für kurze Momente wie die Dauer eines Konzertes sind, abzutauchen, in eine emotionale Welt. Und um den Wahnsinn, den wir alle gerade erleben, für einen Moment auszublenden. In guten und in schlechten Zeiten hat Musik einenhohen Stellenwert. Aber natürlich wissen wir auch, dass ein Song nicht die Welt verändern kann, aber wir wissen, dass wir alle Musik brauchen. Es kann bei tragischen Anlässen der Fall sein, wo Musik uns Kraft gibt und eben auch bei den glücklichen Momenten, wo wir feiern, wo wir glücklich sind. All das kann Musik. Und deswegen ist Musik – glaube ich – für die Menschen unverzichtbar.“

Auf der Bühne zuhause

So anstrengend Touren mit 76 sein muss, so wenig sieht man davon auf der Bühne. Sobald Mikkey Dee ins Schlagzeug hämmert und die Akkorde über die Gitarrensaiten vibrieren ist Klaus Meine wieder zu Hause. Es ist sein Terrain. Natürlich singt er Wind of Change, Rock zu like a Hurricane und Still loving you. In Amerika widmet die Band „Send me an Angel“ ihrem am 9.Januar diesen Jahres verstorbenem, ehemaligen Schlagzeuger James Kottak. Ein sehr berührender, ruhiger Moment zwischen den harten Riffs und ordentlich Vollgas. „Es war ein sehr trauriger Moment Anfang des Jahres, denn James hatte viele Dämonen mit denen er über Jahre hinweg gekämpft hat. Wir hatten immer gehofft und haben ihn in der Zeit als er bei den SCORPIONS gespielt hat, auch intensiv im Kampf gegen die Alkoholsucht unterstützt.  Die Nachricht von seinem Tod im letzten Januar war ein sehr trauriger Moment. Er hat diesen Kampf verloren. James war wie ein Familienmitglied der SCORPIONS-Familie für über 20 Jahre, wie ein Brother from another mother. Und er wird weltweit nicht nur von uns, sondern von Millionen Fans vermisst.“

Das verlorene Bandmitglied

Die Schattenseiten einer langen Bandgeschichte: man sieht Menschen kommen und gehen. Die Nähe und Beziehung zu den Fans scheint nie zu schwinden.Und so schliesst das Lied „Coming Home“ auch mit den Zeilen:

„Day after day out on the road,
there’s no place too far
that we wouldn’t go,
we go wherever you like,
to rock’n ‚roll.“

Musik erreicht alle Generationen

Vielleicht ist es das, was den Erfolg dieser Band ausmacht, die Nähe zu ihren Fans. Wie fühlt es sich wohl an, vor 12 000 Menschen, in einer zwei Mal ausverkauften Location, wie in Istanbul, auf die Bühne zu gehen, und alle singen den Text mit, den man selbst einst verfasst hat? „Da könnte ich sagen, man gewöhnt sich dran. Das wäre jedoch nicht richtig. Ich glaube man gewöhnt sich nie daran – an diese intensiven Emotionen, die wir zum einen auf der Bühne, wenn wir spielen, aussenden, aber die auch in so geballter Form von den Fans wieder zurück bekommen. Das ist pures Adrenalin. Deswegen sind das Gefühle und Momente, die man ganz schwer beschreiben kann. Und dass unsere Musik nach all den Jahren auch die junge Generation erreicht, das ist wunderschön zu erleben“, so Klaus Meine.  

Mit Top-Kondition auf Tour

Wer denkt, dass auf Tour viel gefeiert wird, liegt weit entfernt. Die Tour ist sportlich getaktet, einen Tag spielen, einen Tag Pause, einen Tag fliegen, wieder spielen, wieder reisen. Vor allem Klaus Meine ist sehr diszipliniert im Umgang mit seiner Stimme, die er 1982 schon einmal während der Aufzeichnung zum SCORPIONS Album Blackout verlor. Damals verriet er dem Classic Rock Magazin: „In dieser Dekade sind meine Stimmbänder ohne Rücksicht auf Verluste gefordert worden. Es war keine Seltenheit, dass wir fünf bis sechs Shows am Stück spielten. Zur Regeneration gab es partout keine Zeit. Auch an immens wichtige Dinge – wie etwa Gesangstechnik oder Warm-ups – habe ich keinen Gedanken verschwendet. Das Gaspedal war quasi immer bis zum Anschlag durchgedrückt … bis mir meine Stimmbänder die rote Karte gezeigt haben .“

Heute gehe ich natürlich sehr viel sorgfältiger mit meiner Stimme um … jeder Tag an dem meine Stimme da ist , ist ein guter Tag .

Wie schafft es Klaus Meine, seine Stimme so zu beschützen, dass sie on stage so präsent und klar ist? „Indem ich tagsüber keine Interviews gebe.“ Er lacht.

BILD: © Manfred Nikitser

Vielen Dank für das Interview und die persönlichen Einblicke. 🙂